JUDAS PRIEST: Leder, Nieten, Prophetie

Über das ‘Nostradamus’-Opus der ehemals metallischsten aller Heavy Metal-Bands ist viel geflucht und fast ebensoviel relativiert worden. Nach ihren gleichfalls umstrittenen Festivalauftritten des vergangenen Jahres und der gefeierten US-Tour mit HEAVEN & HELL, MOTÖRHEAD und TESTAMENT sind die Herren Halford, Downing, Tipton, Hill und Travis nun in Deutschland unterwegs und standen vorher noch Rede und Antwort. Gesprächspartner KK Downing betrachtet die hitzigen Diskussionen um das jüngste JUDAS PRIEST-Album sehr differenziert.

Ihr kommt mit MEGADETH und TESTAMENT auf Tour - das könnte man schon fast als kleines Festival der Legenden bezeichnen. Werdet ihr eure Setlist entsprechend strukturieren?

“Na, du kleiner Widerling, das ist doch durch die Hintertür die Frage, wie viele Songs von ‘Nostradamus’ wir einzubauen wagen”, grinst der gutgelaunte Gitarrist. “Einige werden es jedenfalls sein. Aber für diejenigen, die Befürchtungen haben, wir würden eine Art Opernaufzug anbieten: Das wird keinesfalls geschehen. Wir werden mit einem Best Of-Programm aufwarten, das sich hören lassen kann.”

Darauf kommen wir gleich zurück, aber zunächst noch einmal zum Billing. Viele europäische Fans hätten gern die Kombination mit den BLACK SABBATH-Musikern sowie Lemmy & Co. erlebt. Warum habt ihr nicht versucht, das gleiche Package hier buchen zu lassen?

“Das ist das alte Leid mit den Koordinierungsproblemen. Nun läuft die Sache halt anders, wobei ich mit der aktuellen Zusammenstellung recht glücklich bin. Aber es ist ja nicht ausgeschlossen, daß solch' eine gigantische Tour ein Jahr später in Europa läuft.”

Das ist ein gutes Stichwort: “Gigantisch” waren oft genug eure Bühnenaufbauten. Mit ‘Nostradamus’ hättet ihr die Chance, alles Vorherige zu toppen.

“Aber das würde nur Sinn machen, wenn wir tatsächlich das komplette Doppelalbum auf die Bühne brächten und alle Inhalte auch szenisch umsetzten. Für solche Aufführungen würden sich aber nur recht wenige Leute interessieren. Wir haben in der Band zwar darüber gesprochen, sind aber noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Momentan steht die Idee im Raum, eine solche Aufführung als Theater-Produktion vorzubereiten. Ob es dann in Form einer Unplugged-Fassung laufen würde, weiß ich naturgemäß nicht. Aber ich denke, dafür fände sich garantiert das entsprechende Publikum. Mit den Metal-Anhängern gäbe es jedoch nur eine geringe Schnittmenge, das berücksichtigen wir auch auf der aktuellen Tournee.”

Du beziehst die Kritik im Metal-Lager also eher auf eine Art “stilistische Unverträglichkeit” und vernachlässigst die zum Teil recht harschen Hinweise auf das nach Ansicht diverser Fans und Kritiker unzureichende Songwriting?

“Unsere Songs müssen ja nicht jedem gefallen. Aber es scheint mir doch zu einem großen Teil durch die mangelnde Offenheit der selbsternannten Reinerhalter der Metal-Kultur zu einer extremen Abwehr zu kommen. Unter anderem könnte es daran liegen, daß fast alle Schreiber der einschlägigen Magazine Metal-Fans sind. Die wollen sich meist nicht mit anderen Stilen befassen, und das führt zu einer gewissen Einseitigkeit in der Betrachtung von Alben, die deutlich darüber hinausgehen. Einer hat zum Beispiel geschrieben, es handele sich um Opern-Metal und keinen Zweifel daran gelassen, daß er dies negativ meinte. Aber was soll man mit derartigen Bemerkungen anfangen? Für konstruktive Kritik halte ich es jedenfalls nicht. Außerdem glaube ich, daß viele Hörer sich nicht ausreichend Zeit genommen haben, auf die Zwischentöne zu achten. Viele Fans wollen es immer nur krachen hören und können sich gar nicht mehr richtig auf ruhige Parts konzentrieren, weil sie durch die permanente Power im öffentlichen Leben komplett desensibilisiert sind. Genau diese mediale Oberflächlichkeit und/oder Einseitigkeit schlägt im schlimmsten Falle auf das gesamte Leben des Betreffenden durch. Dem Einzelnen wird keine Ruhe mehr gelassen, Phasen der Besinnung werden immer seltener. Wenn aber die Welt sich immer weiter zu einem sämtliche Ruheperioden verschlingenden Strudel entwickelt, ist es doch kein Wunder, daß die Feinheiten auf bestimmten Alben, in Büchern - es lesen ja auch immer weniger Leute - und bei anderen Medien immer weiter zurückgedrängt werden. Konkret bei ‘Nostradamus’ - und eine vergleichbare Herausforderung haben wir niemals vorher in unserer Karriere angenommen - finde ich besonders traurig, daß viele lyrische Momente des Albums untergegangen sind. Rob beispielsweise singt an einigen Stellen so gefühlvoll, wie ich ihn noch nie vorher gehört habe. Auch einige Gitarrensoli sind wahrhaft aufregend. Das Zusammenspiel der Band ist dem musikalischen als auch dem inhaltlichen Anliegen adäquat, und wir sind in für uns neue kompositorische Bereiche vorgedrungen. Hinzu kommt, daß wir uns mit einem komplexen Thema auseinandergesetzt haben. Die Art und Weise, in der wir dies taten, könnte man sicher kritisieren. Aber wie wir uns dem wahrscheinlich bekanntesten Propheten der Weltgeschichte nähern, bestimmen wir nun einmal selbst. Wir wollten keine wissenschaftliche Kritik der Metaphern vornehmen, in die er seine Prophezeiungen gekleidet hat. Uns ist auch klar, daß die Trefferquote seiner Voraussagen so groß ist, weil es häufig mehrere Deutungsmöglichkeiten gibt. Der oft resultierende Zukunftspessimismus ist uns ebensowenig entgangen. Herrje, wir sind doch keine Blödiane, sondern wir haben uns ernsthaft in die Materie eingearbeitet! Bei dem Doppelalbum handelt es sich um das Ergebnis unserer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nostradamus. Und dazu stehen wir.”



Autor: Jörg Schulz

 

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