THIN LIZZY: Those Were The Days

1977 war in vielerlei Hinsicht ein historisches Jahr: Am 16. August starb Elvis Presley in Memphis, einen Monat später verunglückte der Glam-Mitbegründer Marc Bolan bei einem Verkehrsunfall tödlich, und in den folgenden Wochen hielt der “deutsche Herbst” die Bundesrepublik in Atem.

Zwei Tage nach der Befreiung der Landshut-Geiseln, der Ermordung von Hanns Martin Schleyer und dem Selbstmord der RAF-Inhaftierten in Stammheim war man in Deutschland mit der Aufarbeitung des blutigen Geschehens beschäftigt, als in Gillsburg (Mississippi) das Privatflugzeug von LYNYRD SKYNYRD in den Wald stürzte und Bandkopf Ronnie Van Zandt und Gitarrist Steve Gaines getötet wurden. Am selben Abend standen in Philadelphia THIN LIZZY im klassischen Line-up Lynott, Gorham, Robertson & Downey auf der Bühne und spielten die erste von zwei Shows im altehrwürdigen Tower Theatre. Teile dieses Konzerts wurden gerade unter dem Titel ‘Still Dangerous’ erstmals offiziell veröffentlicht. Starten wir also die Rock ‘n’ Roll-Zeitmaschine und blicken mit Gitarrist Scott Gorham zurück auf ein auch für THIN LIZZY ereignisreiches Jahr...

“Seit ich 1974 zur Band gestoßen bin, lagen drei Jahre voller Action hinter uns. 1976 hatten wir mit ‘The Boys Are Back In Town’ einen großen Hit, und das ‘Jailbreak’-Album war vor allem in den USA ein voller Erfolg. Davon waren wir ziemlich überrascht, weil wir bis dahin vor allem in Europa aufgetreten waren und nicht oft in den Staaten gespielt hatten. Im Sommer 1976 hätten wir eigentlich eine große Tour mit RAINBOW bestreiten sollen, doch bei den Konzerten, die wir vorher als Aufwärmprogramm absolvierten, beklagte sich Phil über ständige Müdigkeit. Ich konnte das kaum glauben, schließlich war er Iron Phil und derjenige, der uns immer in den Arsch trat, wenn wir nicht in die Gänge kamen. Auf der Bühne konnte er seine Schwäche gut verbergen, doch mir fiel auf, daß er in diesen Tagen unglaublich stark schwitzte. Das Wasser stand förmlich in seinen Stiefeln, und nach der letzten Warm-up-Show lag er auf dem Boden unseres Dressing Rooms und konnte sich kaum noch bewegen. Er sah übel aus, doch von einem Arztbesuch wollte er nichts wissen - schließlich sollte am nächsten Tag in Ohio unsere große Tour beginnen. Wir schafften ihn trotzdem ins Krankenhaus, und dort wurde bei ihm Hepatitis C diagnostiziert. Die Tour war vorbei, er mußte sofort zurück nach England, um sich in einer Klinik einer mehrwöchigen Behandlung zu unterziehen. Ich weiß noch, wie er vor meinem Hotelzimmer stand und sich dafür entschuldigt hat - mit Augen, die gelb waren wie eine Banane. Wir waren alle frustriert, aber was konnten wir machen? 1977 sollte dann unser Jahr werden, wir hatten eine US-Tour im Vorprogramm von QUEEN gebucht, als sich unser Gitarrist Brian Robertson bei einer Schlägerei die Hand verletzte und zu Hause bleiben mußte. Phil holte kurzerhand Gary Moore als Ersatz für Robbo in die Band, und natürlich hat mir das Bauchschmerzen bereitet, weil ich nicht wußte, ob das auf die Schnelle hinhauen würde. Doch die Tour war phantastisch, die Jungs von QUEEN waren super, und wir spielten jede Nacht in vollen Arenen. Mehr kann man nicht verlangen, oder? Im Herbst wollten wir dann den großen Wurf starten, um den Amerikanern auf unserer ersten Headliner-Tournee zu zeigen, worum es bei THIN LIZZY ging. Wir hatten gerade ‘Bad Reputation’ aufgenommen, wollten die neuen Songs vor Publikum testen und allen beweisen, was für eine großartige Liveband wir waren. Dabei ist diese Aufnahme entstanden.”

Das komplette Konzert, das damals für die Radiosendung ‘The King Biscuit Flower Hour’ mitgeschnitten wurde, kursiert bereits seit vielen Jahren als Bootleg in Fankreisen. Warum fehlen auf ‘Still Dangerous’ denn ganze sechs Songs?

“Wir haben die Mastertapes der Show gefunden, als wir mehrere alte Spulen gesichert und konserviert haben. Leider war eines der Bänder wohl schon zu Zeiten der Aufnahme defekt, es klingt als hätte jemand die Geschwindigkeit mit dem Finger reguliert, und diese Schwankungen konnten nachträglich nicht ausgeglichen werden. Du hast recht, mir wäre ein komplettes Konzert auch lieber gewesen, aber wir konnten lediglich die besten Songs nehmen und diese abmischen. Für mich war es ziemlich bewegend, diese alten Mitschnitte zu hören, denn mir kamen wieder viele Erinnerungen ins Gedächtnis, und ich wollte allen zeigen, wo THIN LIZZY damals standen.”

‘Still Dangerous’ klingt wirklich frisch - man merkt dem Konzert die 31 Jahre nicht an, die es auf dem Buckel hat...

“Das ist vor allem das Verdienst von Glyn Johns, der die Aufnahmen wieder zum Leben erweckt hat. Im Gegensatz zu dem von dir erwähnten Bootleg habe ich hier wirklich das Gefühl, im Publikum zu stehen und uns spielen zu hören.”


Autor: Martin Römpp

 

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